﻿{"id":802,"date":"2020-05-15T19:49:04","date_gmt":"2020-05-15T17:49:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/?p=802"},"modified":"2020-05-15T19:53:32","modified_gmt":"2020-05-15T17:53:32","slug":"fritz-riemann-die-krise-und-warum-es-uns-nicht-gut-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/fritz-riemann-die-krise-und-warum-es-uns-nicht-gut-geht\/","title":{"rendered":"Fritz Riemann, die Krise und warum es uns nicht gut geht"},"content":{"rendered":"<div class=\"fusion-fullwidth fullwidth-box fusion-builder-row-1 nonhundred-percent-fullwidth non-hundred-percent-height-scrolling\" style=\"--awb-border-radius-top-left:0px;--awb-border-radius-top-right:0px;--awb-border-radius-bottom-right:0px;--awb-border-radius-bottom-left:0px;--awb-flex-wrap:wrap;\" ><div class=\"fusion-builder-row fusion-row\"><div class=\"fusion-layout-column fusion_builder_column fusion-builder-column-0 fusion_builder_column_1_1 1_1 fusion-one-full fusion-column-first fusion-column-last\" style=\"--awb-bg-size:cover;\"><div class=\"fusion-column-wrapper fusion-column-has-shadow fusion-flex-column-wrapper-legacy\"><div class=\"fusion-text fusion-text-1\"><p>Riemann beschreibt in seinem Buch \u201eGrundformen der Angst\u201c vier Grundstrebungen, die f\u00fcr die meisten Menschen \u2013 unabh\u00e4ngig ihrer Kultur \u2013 mehr oder weniger zutreffen. Ob Chinese oder Waldviertler: Diese vier Grundstrebungen sind da und m\u00f6chten gelebt und gew\u00fcrdigt werden. In seiner Vorstellung hat ein Mensch, der das tut, ein solides Fundament und ist mit sich und dem Leben zumindest im Reinen.<\/p>\n<p>Werden eine oder mehrere Grundstrebungen vernachl\u00e4ssigt, so ger\u00e4t der Mensch aus der Balance. Nicht nur in der Selbst-, sondern auch in der Fremdwahrnehmung. Dominiert hingegen eine Grundstrebung zu stark, dann tritt die, hinter jeder Grundstrebung lauernde Angst, zum Vorschein.<\/p>\n<p>Diese Krise h\u00e4tte Riemann die gro\u00dfe Chance geboten, ein transkulturelles Sozialexperiment durchzuf\u00fchren: Was passiert mit Menschen, wenn sie daran gehindert werden, drei der vier Grundstrebungen zu leben und daf\u00fcr <u>eine<\/u> Grundstrebung \u2013 die nach Distanz \u2013 exorbitant leben zu m\u00fcssen? Wenn Distanz dominiert \u2013 selbst wenn man zu den Grantlern geh\u00f6rt &#8211;\u00a0 taucht dahinter die Angst nach Vereinsamung auf. <strong>N\u00e4he<\/strong> nicht zu leben, bedeutet den Verlust des Gef\u00fchls, eine menschliche Bedeutung im Leben zu haben; <strong>Dauer<\/strong> nicht leben zu k\u00f6nnen, bedeutet den Verlust des Gef\u00fchls, Kontrolle \u00fcber das Leben zu haben; <strong>Wechsel <\/strong>nicht leben zu k\u00f6nnen bedeutet den Verlust des Gef\u00fchls, frei zu sein.<\/p>\n<p>Und das \u00dcberma\u00df an <strong>Distanz<\/strong> erzeugt die Angst vor Einsamkeit.<\/p>\n<h3><em>N\u00e4he<\/em><\/h3>\n<p><em>Hier steht der Wunsch nach vertrautem Nahkontakt; die Sehnsucht, lieben zu k\u00f6nnen und geliebt zu werden. Eine Bindung wird zumeist angestrebt, das Bed\u00fcrfnis nach Zwischenmenschlichem, sozialen Interessen, Geborgenheit, Z\u00e4rtlichkeit, ebenso nach Best\u00e4tigung und Harmonie, Mitgef\u00fchl und Mitleid, Selbstaufgabe.<\/em><\/p>\n<h3><em>Distanz<\/em><\/h3>\n<p><em>Hier \u00e4u\u00dfert sich der Wunsch nach Abgrenzung von anderen Menschen, um ein eigenst\u00e4ndiges und unverwechselbares Individuum zu sein. Die Betonung liegt auf der Einmaligkeit, der Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit, Unverbundenheit und Autonomie. Das Streben nach klarer Erkenntnis des Intellekts wird deutlich. <\/em><\/p>\n<h3><em>\u00a0<\/em><em>Dauer<\/em><\/h3>\n<p><em>Die Sehnsucht nach Dauer und der Wunsch nach Verl\u00e4sslichkeit und Ordnung aktivieren im Menschen Grundtendenzen, die mit folgenden Begriffen umrissen werden k\u00f6nnen: Planung, Vorsicht, Voraussicht, Ziel, Gesetz, Theorie, System, Macht, Wille und Kontrolle. Damit wird verdeutlicht, welche Grundstrebung gemeint ist: das den Moment \u00dcberdauernde wird angestrebt, um durch Langfristigkeit Sicherheit zu erlangen.<\/em><\/p>\n<p><em>Die zeitliche Dimension l\u00e4sst sich auf den zwischenmenschlichen Bereich \u00fcbertragen: Hier gelten Verantwortung, Pflicht, P\u00fcnktlichkeit und Sparsamkeit, Achtung und Treue.<\/em><\/p>\n<h3><em>Wechsel<\/em><\/h3>\n<p><em>Diese Tendenz beschreibt den Wunsch nach dem Zauber des Neuen, dem Reiz des Unbekannten, von Wagnissen und des Abenteuers; den Rahmen sprengen, den Augenblick erleben. Das Bed\u00fcrfnis nach Spontaneit\u00e4t und Leidenschaft, Freiheit, Charme und Suggestion, nach Temperament, Genuss, Phantasie, Verspieltheit, Begehren und Begehrt-werden wird deutlich. <\/em><\/p>\n<p>Die letzten Wochen waren f\u00fcr uns alle eine Art Sozialexperiment. \u201eWie gehe ich, wie gehen andere damit um, wenn wir nicht leben k\u00f6nnen, was in uns grundangelegt ist? Und was passiert mit uns, wenn wir auf eine Grundstrebung reduziert werden?\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4ren wir ein Sessel, dann h\u00e4tten wir nur mehr ein Bein \u2013 und das zittert vor Angst. Das wird mit der Zeit ungem\u00fctlich, denn es braucht viel Anstrengung, um in Balance zu bleiben. M\u00fcdigkeit, Kraftlosigkeit und schwindender Mut sind die Folgen. Es ist also vollkommen normal, sich zurzeit nicht gut zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>Dennoch k\u00f6nnen wir darauf vertrauen, dass noch alle Grundstrebungen in uns lebendig sind. In uns ist noch immer eine Sehnsucht nach N\u00e4he, nach Orientierung und Abwechslung. Und auch die F\u00e4higkeit, diese Sehns\u00fcchte auszuleben.<\/p>\n<p>Vielleicht haben sich durch die Krise unsere Priorit\u00e4ten in diesen vier Auspr\u00e4gungen etwas verschoben. Wenn sich diese neue Gewichtung gut anf\u00fchlt, dann sollten wir achtsam damit umgehen und uns \u00fcberlegen, wie wir dieses Neue in unser zuk\u00fcnftiges Leben liebevoll einpflegen k\u00f6nnen. Dann hat unser Sessel wieder vier stabile Beine \u2013 mit dem wir auch schaukeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>\u00dcber Fritz Riemann<\/strong><\/p>\n<p>1902 in Chemnitz geboren, Mitbegr\u00fcnder des \u201eInstituts f\u00fcr Psychologische Forschung und Psychotherapie\u201c in M\u00fcnchen, das 1974 in \u201eAkademie f\u00fcr Psychoanalyse und Psychotherapie\u201c umbenannt wurde. 1961 ver\u00f6ffentlichte er sein Hauptwerk: \u201eGrundformen der Angst\u201c. Darin postuliert er vier Typen der Perso\u0308nlichkeit, bei denen es sich \u2013 in seinen Worten \u2013 \u201eletztlich um vier verschiedene Arten des \u201eIn-der-Welt-Seins\u201c (ebd., akt. Ausgabe: Einleitung, S. 18), verbunden mit den entsprechenden \u201eGrundformen\u201c der Angst, handeln soll. Er nennt sie schizoide, depressive, zwanghafte oder hysterische Perso\u0308nlichkeiten.<br \/>\nRiemann betont, dass ein Mensch nicht nur eine dieser Charaktereigenschaften hat, sondern individuell und wandlungsfa\u0308hig ist und z.B. einen Bereich sta\u0308rken kann, der bisher nur schwach ausgepra\u0308gt war.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\"><\/a>Fritz Riemann: Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologische Studie. Ernst Reinhardt, 1991<\/p>\n<\/div><div class=\"fusion-clearfix\"><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":806,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"views":1845,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/802"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=802"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/802\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":805,"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/802\/revisions\/805"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media\/806"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=802"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=802"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-kienast.at\/wp\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=802"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}